Home ] Biographie ] Medien ][ Diskographie ] Publikationen ] Kritiken ] Konzerte ] Kontakt ] Links ]

 

Publikationen > CD-Booklets:

A Swiss Homage to Andrés Segovia
While My Guitar Was Gently Weeping
Music From The Royal Courts Of Germany
Minsk Music - Chamber Music from Belarus


A Swiss Homage to Andrés Segovia

Einleitung 

Das Ende eines Jahrhunderts eignet sich dazu, Einblicke in und Bestandesaufnahmen von historischen Ereignissen und Erbschaften an Kulturgütern zu vermitteln.

In der Musik kommen Anthologien über das ausgehende 20. Jahrhundert nur zögernd zustande. Zu sehr ist das Publikum in seinem Hörerwunsch noch auf die Zeit vor dem 20. Jahrhundert fixiert.

Bei der Musik dieses Jahrhunderts stellt sich zum Teil die gleiche Problematik wie bei der Musik aus früheren Zeiten. Soweit sie nicht schon verlegt ist, findet man sie in Bibliotheken. Oft ist es schwierig, aus der Fülle von Material eine Auswahl zu treffen. So gesehen ist die Musik des 20. Jahrhunderts noch weitgehend unerforscht. Auch wenn die Musik schon verlegt ist, wartet sie häufig noch über Jahrzehnte auf Interpreten und Historiker, die sie spielen und in den richtigen historischen Zusammenhang stellen.

Wenn wir die musikalische Entwicklung in der Schweiz betrachten, kommen noch einige Faktoren hinzu, welche der Verbreitung der schweizerischen Musik im Wege stehen oder standen.

Da die Schweiz keine kulturelle Einheit bildet, fehlt ihr eine gewisse Ausstrahlung. Das Land ist von kulturellen Grossmächten umgeben. Auf diese Art und Weise kommt das schweizerische Kulturschaffen möglicherweise nicht genügend zur Geltung, wird gewissermassen von den umringenden Ländern absorbiert. Die Schweiz hat sich zusätzlich, vor allem in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, politisch und dadurch auch kulturell abgesondert. Dies ist einer der Gründe, warum Frank Martin das Land kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen hat.1) Das Niveau des kompositorischen Schaffens in der Schweiz ist mit dem der Nachbarländer durchaus vergleichbar, wie dies aus der vorliegenden Einspielung ohne weiteres ersichtlich ist.

Segovia und die Schweiz 

Die Bedeutung Andrés Segovias für die Gitarre in diesem Jahrhundert ist bereits vielseitig dokumentiert worden. Segovia, ein wahrer Kosmopolit, hat in vielen Ländern gewohnt. Ausser in Spanien lebte er in Buenos Aires, Montevideo, New York und für kürzere Zeit in Paris. Ausserdem wohnte Segovia von 1930 bis Anfang 1935 in Genf.2) Er hat Henri Gagnebin, Direktor des Genfer Konservatoriums, in dieser Zeit sogar angeboten, eine Lehrstelle für Gitarre zu übernehmen; ein Projekt, das offensichtlich nicht realisiert wurde.3)

Weniger bekannt ist, dass Segovia, nachdem er 1964 seinen Wohnsitz in New York aufgegeben hatte, sich wieder in Genf niederliess, wo er bis zu seinem Tod 1987 eine feste Adresse hatte. Noch 1981 gab er am Genfer Konservatorium einen Interpretationskurs.

Wo auch immer Segovia war, hat er mit seinem Gitarrenspiel und durch seine persönliche Ausstrahlung Komponisten inspiriert, für das Instrument zu schreiben. Wenn wir an Genf denken, so war es zuerst Frank Martin, der von Segovias Gitarrenspiel begeistert war und für ihn seine «Quatre Pièces Brèves» schrieb. Nach dem Krieg war es Hans Haug, der, von Segovia inspiriert, Stücke für Gitarre komponierte. Auch Gagnebin widmete ihm seine «Trois Pièces». Die Beziehungen zwischen Gagnebin und Segovia entwickelten sich weiter. Auf Anregung Segovias nahm Gagnebin in seiner Funktion als Präsident des Internationalen Musikwettbewerbes Genf die Gitarre zum ersten Mal als Instrument im Wettbewerb auf.4) Dieser fand 1956 statt, also zwei Jahre vor den Wettbewerben der O.R.T.F. in Paris.

von links nach rechts: José Azpiazu, Hermann Leeb, Alexandre Tansman, Luise Walker, Henri Gagnebin, Andrés Segovia und Hans Haug.

 

 

 

 

Dieser erste Gitarrenwettbewerb überhaupt brachte einiges an Prominenz der damaligen Generation von Komponisten und Gitarristen zusammen. So waren neben Andrés Segovia und Henri Gagnebin auch Hans Haug, Hermann Leeb, José de Azpiazu, Luise Walker und Alexandre Tansman anwesend (siehe Foto). Die Anforderungen des Wettbewerbes waren hoch. Zu den Pflichtstücken gehörte u. a. das «Chansons» aus dem Zyklus Gagnebins und das Concerto für Gitarre und Orchester des Schweizer Komponisten Pierre Wissmer.5)

Luise Walker erinnert sich, dass der damals 15-jährige John Williams am Wettbewerb teilnahm.6) Gewinner des Wettbewerbes war Manuel Cubedo.

Frank Martin (1890 – 1974)

Quatre pièces brèves (1933)

 1993 erschien in der amerikanischen Gitarrenzeitschrift «Soundboard» der «Guitar Foundation of America» ein Artikel von Jan J. de Kloe über die «Quatre pièces brèves».7) Maria Martin, die Witwe von Frank Martin, bezeichnet diesen Artikel als den bis jetzt umfassendsten über diese Stücke. Ich möchte einige Auszüge daraus hier zusammenfassen und noch etwas ergänzen.

Die 1933 entstandenen «Quatre pièces brèves» sind das einzige Werk für Sologitarre von Frank Martin. Daneben hat Martin die Gitarre noch in einigen anderen Kammermusikwerken verwendet. Es sind dies «Quant n’ont assez fait do-do» (1947) für Tenor, Gitarre und Klavier vierhändig, «Drey Minnelieder» (1960) für Sopran und Klavier (von Martin selber für Flöte und Gitarre bearbeitet) und «Poèmes de la mort» (1971) für drei Männerstimmen und drei elektrische Gitarren.

1933 lebten sowohl Andrés Segovia als Frank Martin in Genf. Es ist unklar, ob Segovia Martin um ein Stück gebeten hat, oder ob die Initiative für die «Quatre pièces brèves» von Martin kam. Sicher ist, dass Martin von Segovia Kompositionen von Castelnuovo-Tedesco erhielt, um zu zeigen, wie man für Gitarre schreiben kann. Martin jedoch hat keine Vorlage benützt, um seine Stücke zu schreiben; vielmehr hat er selber mit Hilfe einer Gitarre die Stücke komponiert. Martin schrieb mit Bleistift ein erstes Manuskript, wovon er danach verschiedene Fassungen komponierte. Zuerst liess Martin Segovia eine Abschrift zukommen. Dieser hat hierauf jedoch nie reagiert. Eine zufällige Begegnung zwischen Martin und Segovia in der rue de la Corratarie wurde von Segovia mit einem kurzen «au revoir» abgetan.1) Martin war durch das Ausbleiben einer Reaktion Segovias verunsichert und vermutete, seine Stücke seien unspielbar. Im gleichen Jahr noch schrieb er eine Fassung für Klavier mit folgendem Titel: «’GUITARE’-Suite pour le Piano (portrait d’ Andrés Segovia) (été 1933)». Der mit Martin befreundete Dirigent Ernest Ansermet regte ihn an, eine Fassung für Orchester zu schreiben; diese wurde 1934 uraufgeführt. Martin ging die Gitarrenfassung jedoch nicht aus dem Kopf. 1938 komponierte er eine neue Version der «Quatre pièces brèves» für den Zürcher Gitarristen Hermann Leeb, der das Stück auch spielte. Dies hat Segovia veranlasst, bei Martin um eine neue Version nachzufragen, weil er seine eigene Abschrift verloren hatte. Martin jedoch, enttäuscht wie er war, lehnte ab. Somit haben wir keine Vergleichsmöglichkeit zwischen dem allerersten Bleistiftmanuskript und der Version, die er danach Segovia gegeben hatte. Die Leeb-Version befindet sich bei der Paul Sacher Stiftung in Basel.

1950 bekam José de Azpiazu auf Empfehlung Segovias eine Lehrstelle am Genfer Konservatorium.8) 1951 gab Martin ein weiteres Manuskript der «Quatre pièces brèves» an Jean-Marc Pasche, Leiter der Musikabteilung von Radio Genève (heute Radio Suisse Romande), mit der Bitte, diese neue Fassung José de Azpiazu zu übergeben; dieser sollte eine Aufnahme der Stücke machen. Azpiazu schrieb sich von Martins Vorlage im Juni 1951 eine eigene Fassung und machte davon am 30. Juli desselben Jahres eine Aufnahme.8) Anschliessend gab er Martins handschriftliches Manuskript an Radio Genève zurück, wo später auch dieses verloren ging. Azpiazu kopierte darauf seine eigene Fassung der «Quatre pièces brèves». Es ist diese Abschrift, die Martin anschliessend zurückerhielt.

1955 wurde von Martin noch eine weitere Abschrift für eine Veröffentlichung angefertigt. Es war Karl Scheit, der die «Quatre pièces brèves» 1959 bei der Universal Edition in Wien herausgab, Azpiazu wurde als Herausgeber abgelehnt. Jeder, der die Ausgabe von UE kennt und sie mit der Leeb-Version vergleicht, könnte meinen, dass Scheit für die vielen Änderungen der Ausgabe verantwortlich ist. Dies ist aber nicht der Fall. Vielmehr ist die Fassung Azpiazus aus dem Jahr 1951 fast identisch mit dem letzten Manuskript, das Martin 1955 an die UE geschickt hat.

Bald nachdem die Ausgabe der «Quatre pièces brèves» erschienen war, spielte Julian Bream die Musik in seinen Konzerten.1) Der Komponist wohnte einigen dieser Konzerte in Amsterdam bei. 1966 machte Bream die Ersteinspielung der «Quatre pièces brèves» auf Schallplatte. Seither wird dieses Werk von vielen Interpreten als eines der wichtigsten Gitarren-Werke der Zwischenkriegszeit betrachtet.

Bream bemühte sich anschliessend, Martin mit einer weiteren Komposition für Sologitarre zu beauftragen. Er sagt dazu folgendes:

«Natürlich kann ich jetzt zurückblickend sagen, dass es mir nie gelungen ist, einige der besten Komponisten früh genug dazu zu bewegen, für Gitarre zu schreiben. Ein Komponist, den ich sehr bewundere, ist der Schweizer Komponist Frank Martin. Ich habe ihn sogar einmal in seinem Haus in der Nähe von Amsterdam besucht. Am Ende hatte ich genug Mut zusammengerafft um ihn zu beauftragen, ein neues Stück zu komponieren, und er hat den Auftrag gerne angenommen. Aber er war schon etwa 80. Nicht lange danach besuchte er ein Rezital von mir in Luzern. Es war eine Matinee, (siehe Foto) und nachher spazierten wir den See entlang und diskutierten das neue Werk, er auf Französisch und ich auf Englisch. Dennoch verstanden wir einander vollkommen. Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Er starb ein paar Monate später...».9)

Henri Gagnebin (1886 – 1977)

Trois pièces à Andrés Segovia (1953)

Henri Gagnebin wurde 1886 in Lüttich (Belgien) als Kind einer Pfarrersfamilie aus dem Berner Jura geboren. 1892 zog die Familie zurück in die Schweiz. Gagnebin studierte Orgel, Komposition und Orchestrierung, u. a. bei Vincent d’ Indy und Joseph Lauber (letzterer war später auch Martins Kompositionslehrer). Von 1925 bis 1957 war Gagnebin Direktor des Genfer Konservatoriums. Sein Œuvre besteht unter anderem aus vier Symphonien, Oratorien, Werken für Orgel und Klavier sowie Streichquartetten. Neben den «Trois pièces à Andrés Segovia» existiert unter dem Titel «Eglogue» noch eine Komposition für Klarinette oder Violine und Gitarre.10)

Bedeutend ist der Freundeskreis Gagnebins, den er während seiner Jahre als Direktor des Genfer Konservatoriums aufgebaut hat. Zuerst ist hier die enge Freundschaft mit Frank Martin zu erwähnen. Gagnebin hegte eine tiefe Bewunderung für Martin. Über längere Zeit trafen sie sich wöchentlich. Zwischen 1939 und 1944 wohnten sie sogar gemeinsam im gleichen Haus, 16 Cours des Bastions, Martin im vierten, Gagnebin im ersten Stock.

Aber auch Musikerpersönlichkeiten wie Mstislav Rostropovich, Arthur Rubinstein, Ernest Ansermet oder Andrés Segovia gehörten zu seinem Bekanntenkreis. Henri Gagnebin wird von vielen Zeitgenossen als ein Mann mit grossem Gefühl für Humor beschrieben. In Anspielung auf die französische Redeweise «Chacun sa Chacune» kommentierte er nach einem Konzert Segovias in Genf die einzigartige Interpretation von Bachs Chaconne in d-moll folgendermassen: «Chacun sa Chaconne».11)

Im März 1953 schrieb Henri Gagnebin seine «Trois pièces». Er spielte selbst keine Gitarre. Sein Werk ist weitgehend in Zusammenarbeit mit José de Azpiazu entstanden. Er war es auch, der die Stücke mit kleinen Änderungen im Notentext noch im gleichen Jahr beim Symphonia Verlag Basel unter folgendem Titel herausgab: «Trois pièces pour guitare à Andrés Segovia». Wir können davon ausgehen, dass auch Segovia bald nach der Veröffentlichung eine Kopie der ihm gewidmeten «Trois pièces» erhielt. Er schrieb in einem Brief vom 22. Februar 1954 aus New York folgendes:

Geehrter Maestro, ich schicke Ihnen diese Zeilen um Ihnen mitzuteilen, dass Ich mit Ihren schönen Kompositionen langsam vorwärts komme. Langsam aber stetig... Ich glaube sie in mein Programm für die nächste Saison einschliessen zu können. Bevor ich nach Granada reise rechne ich damit, anfang Sommer in die Schweiz zu kommen. Ich werde Sie über meine Ankunft benachrichtigen, damit Sie Ihre Stücke hören können und ihnen Ihren Segen geben. Falls ich sie vorzeitig beherrsche, werde ich Ihnen eine Tonband-Aufnahme davon zukommen lassen.12)

 

Im Brief von 19. September 1954 aus Assisi schrieb er:

Geehrter Maestro,

ich werde in Genf das Stück «Chansons» aus Ihrer schönen Suite spielen. Leider war es mir noch nicht möglich, die ganze Suite einzustudieren. Ich weiss nicht, ob Sie mit der Idee einverstanden sind, das «Chansons» losgelöst vom ganzen Werk zu spielen. Üblicherweise mache ich das nicht, aber ich habe den Wunsch, ein Stück von Ihnen zu spielen. Falls Sie nicht einverstanden sind, bitte ich Sie, dies Madame Giovanna Cassetti mitzuteilen.

Ich werde wahrscheinlich am 28ten in Genf ankommen und Sie sofort von meiner Ankunft benachrichtigen, damit Sie Ihr Stück anhören können. Es klingt sehr schön auf der Gitarre12).

 

Am 12. Oktober 1954 spielte Segovia das Stück «Chansons» von Henri Gagnebin im Théâtre de la Cour St. Pierre in Genf. 13)

Im Brief vom 17. Januar 1957 (ohne Adresse; Segovia ist auf Konzertreise durch die USA) schrieb Segovia:

Mein geehrter Maestro und Freund,

ich bereite mich auf die Neuaufnahme einer Schallplatte vor, die ich bereits gemacht hatte, aber jetzt mit neuen Stücken. Ihr «Chansons» wird darauf erscheinen. Dieses hübsche Stück wird sich gut einfügen, und ich hoffe, dass Sie die Aufnahme mögen. Sobald die Schallplatte verfügbar ist, werde ich Ihnen ein oder zwei Exemplare zukommen lassen.12)

Die Einspielung Segovias ist, soweit ich dies nachvollziehen konnte, nicht realisiert worden. 2, 11, 14)

1956 gehörte «Chansons» zu den Pflichtstücken am Wettbewerb in Genf.5) Karl Scheit vernahm aus dem Prospekt des Wettbewerbes, dass Gagnebin für die Gitarre komponiert hatte. Am 10. März 1956 schrieb er einen Brief an Gagnebin aus Wien:«(...) Ich gebe im Verlag der Universal Edition eine Reihe «Musik für Gitarre» heraus und habe in diesem Rahmen auch zeitgenössische Musik zur Veröffentlichung gebracht. In nächster Zeit erscheint ein Werk von Frank Martin. Nun erlaube ich mir, bei Ihnen anzufragen, ob Sie Interesse daran hätten, mir eine Ihrer Gitarren-Kompositionen für diese Reihe zur Verfügung zu stellen? Ausserdem liegt mir daran, Ihnen für Ihre Bemühungen um die Gitarre zu danken und vor allem dafür, dass dieses Instrument von Ihnen nunmehr in den Genfer Wettbewerb aufgenommen wurde. Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr ergebener, Karl Scheit 

Ob und wie Gagnebin auf den Brief von Scheit reagiert hat, ist mir nicht bekannt. Sicher ist, dass Karl Scheit keine Komposition Gagnebins veröffentlicht hat. 15)

Ausser dem 1965 für einen M.G. Bauer geschriebenen Stück «Eglogue» für Klarinette und Gitarre existiert gemäss Werkverzeichnis kein weiteres Stück für oder mit Gitarre. 10)

Nach dem Wettbewerb von 1956 sind die Stücke Gagnebins allmählich in Vergessenheit geraten. Nach der offensichtlich von Segovia nicht realisierten Aufnahme von «Chansons» aus den «Trois pièces», liegt hier jetzt eine Ersteinspielung des gesamten Zyklus vor.

Hans Haug (1900 – 1967)

Prélude, Tiento et Toccata (26/28 September 1961)

Hans Haug wurde am 27. Juli 1900 in Basel geboren. Er studierte Klavier und Cello am Basler Konservatorium und besuchte Kurse von Ferruccio Busoni in Zürich. Anschliessend studierte er Komposition und Direktion an der Münchner Musikhochschule. Haug war Dirigent diverser Schweizer Radio-Symphonie-Orchester. Von 1947 bis 1960 unterrichtete er Harmonielehre und Kontrapunkt am Konservatorium Lausanne.

Das kompositorische Œuvre Haugs ist sehr umfangreich. Neben seinen Kompositionen für oder mit Gitarre schrieb er Streichquartette, diverse Kammermusikwerke, Vokalmusik, Konzerte, symphonische Werke, Opern, Oratorien und Filmmusik. 16)

Im Dezember 1950 schrieb die «Accademia Musicale Chigiana» in Siena (Italien) einen Kompositionswettbewerb für Gitarre in folgenden Besetzungen aus:

1.  Concertino für Gitarre und Kammerorchester

2.  Quintett für Gitarre und Streichquartett

3.  Komposition für Gitarre solo (Sonate, Suite oder Fantasie)

Es wurden 25 Kompositionen eingesandt. Die Jury stand unter dem Vorsitz von Georges Enescu; weitere Mitglieder waren u. a. Ricardo Brengola, Gaspar Cassadó und Andrés Segovia. Ein Preis für das Gitarrenquintett wurde bei der Prämierung im August 1951 nicht vergeben. Alexandre Tansman erhielt einen Preis für seine «Cavatina» für Gitarre solo, und Hans Haug wurde für sein «Concertino für Gitarre und Kammerorchester» ausgezeichnet, welches sein erstes Werk für Gitarre war. 17)

Den Gewinnern des Wettbewerbes wurde versprochen, dass die Stücke im Sommer 1952 von Segovia uraufgeführt und anschliessend bei Schott London verlegt werden. Während dieses Versprechen für die «Cavatina» von Tansman eingelöst wurde (es wurde 1952 beim Schott-Verlag herausgegeben), hat Segovia das Concertino von Haug nie gespielt, 2, 18) und das Werk wurde erst drei Jahre nach Haugs Tod 1970 als Faksimile bei der Edizioni musicali Bèrben herausgegeben. Alexandre Lagoya machte die Uraufführung zusammen mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne.

Ermutigt durch den Preis in Siena beschäftigte Haug sich weiter mit der Gitarre. Zwischen Oktober 1953 und Januar 1954 nahm er regelmässig Gitarrenunterricht bei José de Azpiazu, um das Instrument besser kennenzulernen.19) Um diese Zeit entstand seine erste Komposition «Alba» für Sologitarre und möglicherweise auch das «Preludio», von Segovia später «Postlude» genannt. «Alba» war offensichtlich bald darauf im Besitz Segovias. Dieser erwähnte eine Komposition von Haug in seinem Brief vom 19. September 1954 aus Assisi an Gagnebin:

«Bitte beachten Sie, dass ich auch mit der Erarbeitung der andern Werke von Villa-Lobos, Tansman, Haug, Rodrigo, Torroba, Castelnuovo usw. in Verzug bin. Sie werden keine einzige Uraufführung in meinen nächsten Konzerten entdecken.»12)

«Alba» und «Postlude» wurden später von Segovia auf Schallplatte eingespielt: «Andrés Segovia with the Strings of the Quintetto Chigiana» (Decca DL 9832); die einzige Einspielung Segovias mit Werken von Haug.14)

1961 wird Haug von Segovia angefragt, um Kompositionsunterricht an der Sommerakademie in Santiago de Compostella zu erteilen.18) Es ist hier, dass Haug am 28. September 1961 sein «Prélude, Tiento et Toccata» vollendet. Die Kommunikation zwischen Haug und Segovia verlief weitgehend telefonisch, so dass vermutlich keine Briefe vorhanden sind. 18)

 

Zusammenarbeit von Haug mit anderen Gitarristen/Innen

Am Genfer Wettbewerb von 1956 begegnete Hans Haug zum ersten Mal Luise Walker.6) Auf Grund dieser Begegnung schrieb er 1957 seine «Fantasia pour guitare et piano», Luise Walker gewidmet. Ausserdem entstand 1963 das Stück «Capriccio pour flûte et guitare» für das Duo Werner Tripp – Konrad Ragossnig (erschienen auf Schallplatte «L’Anthologie de la guitare», RCA-Victor 440.182.) 1966 komponierte Haug noch ein «Concerto pour flûte, guitare et orchestre». Weiter verwendete Haug die Gitarre noch in folgenden Werken: «Variations sur une thème de Jacques Offenbach» für Orchester, «Don Juan à l’étranger» (Opéra comique), «Les Fous» (Opéra comique), «Justice du roi» (Tragi-comédie) und «Tag ohne Ende» (Filmmusik).

Ernst Widmer (1927 –1990)

Fünf Stücke für Gitarre (1989)

Ernst Widmer wurde 1927 in Aarau geboren. Er studierte Komposition am Konservatorium Zürich bei Willy Burkhard. Danach hat Widmer die Schweiz verlassen und sich in Brasilien niedergelassen, wo er massgeblich am Aufbau der Musikhochschule der Universität von Bahia beteiligt war. Widmer war dort Kompositions- und Klavierlehrer, später auch Direktor. Mit der Gründung der «Gruppo de Compositores da Bahia» gelang es Widmer 1966, die Musikhochschule von Bahia zu einem wichtigen Zentrum der zeitgenössischen brasilianischen Musik zu machen. Ein wichtiger Bestandteil von Widmers Œuvre sind Vokalwerke; er schrieb Liederzyklen und 40 Chorwerke a capella.20)

Ernst Widmer starb am 3. Januar 1990 in Aarau. Sein musikalischer Nachlass wird von der Ernst Widmer-Gesellschaft verwaltet. Seine Werke werden zur Zeit katalogisiert.

Als ich Ernst Widmer im Sommer 1988 an seine Adresse in Salvador Bahia schrieb, um ihn mit einer Komposition für Gitarre zu beauftragen, antwortete er am 11. September 1988 folgendermassen: «(...) Bin gerne bereit, etwas für Gitarre zu schreiben, bin da sehr beweglich. Bitte entscheiden Sie, was würde am besten einschlagen? Wo gibt es Lücken? Bin ab 1. November bis 15. Dezember in der Schweiz bei meinem Bruder». Es war November 1988 als ich Ernst Widmer in Aarau besuchte. Wir besprachen den Kompositionsauftrag. Er spielte mir einige seiner Klavierkompositionen vor, ich spielte ihm einige zeitgenössische Gitarrenstücke vor. Es schien mir, als kenne Widmer die Gitarre ausgezeichnet. Seine früheren Kompositionen für Gitarre hatte er in Bahia in Zusammenarbeit mit einem Gitarristen der dortigen Musikhochschule geschrieben. Widmer zeigte mir eine Komposition für Orchester, worin die Gitarre eine wichtige Rolle spielt. Ich hörte eine Tonbandaufnahme mit einer Aufführung dieses Werkes, worin eine ausgedehnte Kadenz für Gitarre vorkommt. Widmer hat daneben auch noch andere Werke für und mit Gitarre geschrieben.

Am 23. August 1989 bekam ich einen Brief aus Bahia, worin Widmer schreibt, «den Anforderungen bis Ende Jahr nachkommen zu können». Es ist der letzte Brief, den ich von ihm bekam. Er starb gut vier Monate später.

Im März 1990 tauchte bei der Ernst Widmer Gesellschaft in Aarau ein Ordner mit Gitarrenkompositionen auf, worin meine Visitenkarte eingeklebt war. Widmer hatte bis zu seinem Tod an diesen Stücken gearbeitet. Nur das «Con Brio» ist auf einem separaten Blatt in Reinschrift notiert worden. Die Reihenfolge im Ordner (allerdings ohne Numerierung) ist folgendermassen: «Calmo», «Vivo» (hier können wir nicht absolut sicher sein, dass der zweite Teil vom «Vivo» dazugehört. Er steht, ohne Titel, auf der folgenden Seite, obwohl auf der vorhergehenden Seite noch Platz vorhanden ist), «Ronde», «Barcarolle».

 

Han Jonkers

Anhang

Den Begleittext dieser CD hätte ich ohne die unschätzbare Hilfe folgender Personen, Artikel und Bücher nicht schreiben können: 

1)    Gespräch mit Maria Martin-Boeke, Naarden (Niederlande)

2)    Gespräch mit Emilita Segovia, Genf (Schweiz)

3)    Bulletin du Conservatoire de Musique de Genève, November 1950.

4)    Gitarre & Laute, Nr. 2/1986

5)    Reglement des Internationalen Musikwettbewerbes 1956 in Genf

6)    Gespräch mit Luise Walker, Wien (Österreich)

7)    Jan J. de Kloe, Martin’s Quatre pièces brèves, Soundboard (Fachzeitschrift der Guitar Foundation of America), 1993

8)    Gespräch mit María Guadalupe Azpiazu, Genf (Schweiz)

9)    Tony Palmer: Julian Bream, A Life on the Road, Mac Donald & Co, London, 1982, S. 92

10)  Descendants de Henri Gagnebin, Henri Gagnebin – Chronologie de sa vie et Catalogue de ses œuvres, Le Larigot, Anières, 1986

11)  Gespräche mit François und Charles Gagnebin, Anières / Cormondrèche (Schweiz)

12)  Erst kürzlich entdeckte Briefe Segovias und Scheits, die hier zum ersten Mal auszugsweise veröffentlicht werden.

13)  Programmheft des Konzertes von Segovia, Genf 1954

14)  Graham Wade, Segovia – A Celebration of the Man and his Music, Allison & Busby, London, 1983

15)  Ausgabeverzeichnis «Musik für Gitarre von Karl Scheit», Universal Edition Wien (Österreich)

16)  Jean-Louis Olivier Matthey, Hans Haug – Catalogue du fonds déposé à la Bibliothèque cantonale et universitaire de Lausanne, Lausanne, 1970

17)  Guitar Review Nr. 13, 1952

18)  Briefwechsel zwischen Françoise Haug-Budry (Montréal, Kanada) und mir

19)  Agenda von José de Azpiazu, zur Verfügung gestellt von María Guadalupe Azpiazu

20)  Sibylle Erismann, «Klima und Eingängigkeit sind mir wichtig» (Artikel über das kompositorische Œuvre von Widmer), Neue Zürcher Zeitung 23. / 24., Mai 1992

 

 

Die Fotos wurden von folgenden Personen zur Verfügung gestellt.

 

Wettbewerbsjury: Françoise Haug-Budry

Frank Martin mit Julian Bream: Maria Martin-Boeke

Henri Gagnebin: François Gagnebin

Hans Haug: Bibliothèque cantonale et universitaire de Lausanne

Ernst Widmer: Ernst Widmer-Gesellschaft, Aarau

 

Mein Dank geht an Eugen Notter für das kritische Durchlesen der Texte.

 

Folgende Institutionen haben auf grosszügige Weise die Realisierung dieser CD unterstützt:

Hans und Lina Blattner-Stiftung, Aarau

Kuratorium für die Förderung des kulturellen Lebens des Kantons Aargau

Kantonales Amt für Kultur und Sport des Kantons Solothurn

Nachkommen von Henri Gagnebin


Home ] Biographie ][ Medien ] Diskographie ] Publikationen ] Kritiken ] Konzerte ] Kontakt ] Links ]